Können Sie uns die Idee hinter der Gesichts-Kartografie und wie Sie auf diese Idee gekommen sind, erklären?

Meine Karriere als Fotograf startete ich in den 1980er Jahren als Reporter in New York. Damals waren grosse Porträtinszenierungen en vogue. Die Arbeiten von Annie Leibovitz fürs Rolling Stone-Magazin beeinflussten mich stark, zugleich faszinierten mich aber auch die Altmeister der dokumentarischen Portraitfotografie: Pen, Avedon und vor allem das epochale Werk «Menschen des 20. Jahrhunderts» von Sanders. Ich stellte mir damals zum ersten Mal die Frage: Wie muss man die Menschen des 21. Jahrhunderts dokumentieren, damit die Menschen im 22. Jahrhundert einen Eindruck bekommen, was uns bewegt hat?

Die zündende Idee hatte ich erst Jahre später. Nach einem schweren Mountainbike-Unfall landete mit gebrochenem Rücken im Spital (nur dank Glück bin ich heute nicht querschnittsgelähmt). Die Ärzte schoben mich in die Computer-Tomographie-Röhre. 45 Minuten lang durfte ich mich nicht bewegen, während sich die Maschine ein genaues Bild von mir verschaffte. Dank der CT-Aufnahmen konnte später ein Operationsroboter acht Titanschrauben millimetergenau in die zerschmetterten Lendenwirbel einsetzen – präziser, als das ein Mensch hätte tun können. Das war die Geburtsstunde des Konzepts «The Machine View», auf dem die Methode «Robophot» baut und aus dem sich das Projekt «Face Cartography» herauskristallisierte: Ich wollte mich als Fotograf durch eine Maschine ersetzen, meine subjektive Betrachtung durch eine objektive, analoge Fotos durch digitale, reale Porträts durch virtuelle, wenige Pixel durch viele.

Die Frage, die mich dabei am meisten interessiert: Merken die Menschen, die eines «meiner» Porträts betrachten, den Schwindel – und wenn ja, bewusst oder instinktiv? Eigentlich sollten ihre Augen und ihr Verstand geschult sein: Täglich betrachten sie Bilder aus der Werbeindustrie, sie alle sind manipuliert – retouchiert, geschönt, verzerrt, optimiert. Was also passiert, wenn sie vor einem 900 Millionen Pixel grossen Porträt stehen? Denn ein kartographiertes Gesicht kann ganz schön irritierend und verstörend wirken… Erstens transportiert es keine Emotionen. Das Porträt besteht aus 600 Einzelfotos, die mein Roboter innerhalb von 20 Minuten geschossen hat. Zweitens verliert das Bild nicht an Schärfe, wenn man näher herantritt, im Gegenteil, es offenbaren sich immer mehr Details, schonungslos und ungeschönt. Beim Betrachter entsteht nun ein innerer Konflikt: Der Instinkt sagt dem Verstand, dass etwas nicht stimmen kann, der Verstand aber hält das Porträt wegen der Detailschärfe für echt. Mit «Face Cartography» kann ich den iur stabil bleibt. Die kurze Abrennzeit des Blitzes hilft, das Bild verwackelungsfrei fest zu halten.

Um die Bilder vergrössern zu können testete ich eine ganze Reihe von Drucksystemen und fand dann im Lambda Printer die beste Lösung für meine Ansprüche. Ein Laser belichtet das Fotopapier, das anschliessend mit Fotochemikalien entwickelt wird. Bei den Tintenstrahldruckern konnte keiner die geforderte Qualität liefern. Die einzige Beschränkung des Lamda Druckers ist die Grösse. Bei 180cm ist Schluss. Und es gibt nur noch etwa zehn Stück davon auf der Welt.

Wie fühlen sich die Menschen, wenn sie so oft fotografiert werden? Schliesslich müssen sie lange ruhig sitzen. Ist das einschüchternd? Haben sie Angst, dass die Bilder zu viele Informationen über ihr Gesicht verraten?

Das ist tatsächlich für manche Personen einschüchternd. Es gibt solche, die glauben, dass die Maschine ihre Seele langsam auffrisst und die Informationen darüber in einem Computer speichert. Jemand, der sich von RobotPhot ablichten lässt benötigt viel Selbstvertrauen. Die Linse der Kamera bewegt sich sehr nahe am Gesicht. Mich überrascht die Furchtlosigkeit der Menschen immer wieder und genauso ihr Vertrauen, dass sie einer Technologie entgegenbringen, die sie letztlich nicht kennen. Aus Sicherheitsgründen arbeite ich mit einem «dead-man’s safety system». Während der gesamten Prozedur muss ich einen Knopf drücken. Das gesamte System stoppt sofort, wenn ich ihn loslasse. Ich rede konstant mit meinem Gegenüber und erkläre ihnen Schritt für Schritt was ich auf meinen Monitoren sehe.

Der fotografische Prozess ist für mich wie das Kreisen mit einem Helikopter über einer Landschaft. Ich entdecke dabei so viele Dinge im Gesicht, die ich bei einer normalen Begegnung niemals sehen könnte. Manche meinen nach der Fotosession, dass es wie Meditation sei und dass sie ihr eigenes Gesicht mit einem inneren Auge sehen konnten. Andere schliessen die Augen, während der Roboter über die tieferen Partien ihres Gesichtes fährt. Manchmal ist es schwierig, dass die Leute ihre natürlichen Spannung zu halten und nicht zusammensacken.

Die Allermeisten finden es eine spannendes Erlebnis, sich von einem Roboter fotografieren zu lassen, der im normalen Leben Autos baut. Und sie schätzen es danach, ihr Gesicht in einer Grösse und Auflösung zu entdecken, wie sie es vorher noch nie konnten. Die Bilder sind nur an der Oberfläche intim. Das Gesicht wird zu einem neutralen Icon oder einer Skulptur, die letztendlich nichts über den Charakter verrät.

Beschäftigen Sie sich auch mit klassischer Porträtfotografie? Worin unterscheiden sich eigentlich die beiden Porträtarten?

Mit der klassischen Porträtfotografie kann ich in einem Bild eine Geschichte erzählen, ich trete in einen Dialog mit meinem Gegenüber. Ich kann den Porträtierten in einer Situation fotografieren, die ich schaffe und kann so Ideen verdichten und visualisieren. Der Nachteil ist, dass bei der klassischen Porträtfotografie immer ein gewisser Stress herrscht, da du als Fotograf nie sicher bist, ob du den richtigen Weg gefunden hast.

Gesichts-Kartografie eine andere Welt. Das Fotografieren mittels RoboPhot ist für mich ohne Anstrengung. Ich bin nur der Operator, der die Landschaft eines Gesichtes als Einheit dokumentiert.

Es ist ein brutal ehrlicher Weg in der Porträtfotografie. Es gibt nichts zu verstecken, nichts zu täuschen, nichts zu beschönigen. Das Licht ist klinisch hell und lässt keinen Spielraum zu. Jeder Porträtierte wird von der Maschine genau gleich behandelt.

Bei einem traditionellen Porträt versucht der Porträtierte mit seinen Posen Botschaften zu vermitteln. Der Fotograf interpretiert diesen Gesichtsausdruck mit Licht und dem Aufnahmewinkel. Das Resultat ist eine Momentaufnahme des Dialogs zwischen zwei Personen, gebannt auf ein Bild. Der Zeithorizont der Gesicht-Kartografie ist zwanzig Minuten mit 600 Auslösern. Viel zu lang um etwas vorzutäuschen. Mit der Gesicht-Kartografie wird ein archetypisches Abbild erfasst, die re

nütze einen alten Coiffeurstuhl. So kann ine Landschaft eines Gesichtes, ein neutrales, hoch aufgelöstes Dokument.

Sie fotografieren auch Insekten. Was bringt Sie dazu hier den RobotPhot einzusetzen?

Gesicht-Kartografie ist eine künstlerische und philosophische Annäherung an das, was RoboPhot abbildet. Die fotografische Dokumentation von Insekten und Gemälden ist eine technische Anwendung des kartografischen Prozesses. Mich fasziniert das reinzoomen von der grossen Totalen bis ins kleinste Detail, zum Beispiel zu den Tentakeln eines Insektes oder der Pinselstruktur in einem Gemälde. Diese Details erscheinen auf dem Schirm 20 mal vergrössert. Das macht mehr sichtbar als bei einer normalen Betrachtung ohne Mikroskop. Es ist beeindruckend wie schnell wir uns durch riesige Datenmengen bewegen können.

Es gibt viele Sammlungen von Gemälden, Stichen oder historischen Kostbarkeiten, die in irgendwelchen Archiven vor den Augen der Öffentlichkeit versteckt sind. Es ist ein Traum von mir alle diese versteckten Schätze für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Es ist wie mit Google Earth, mit dem man die ganze Welt vom Computer aus entdecken kann. Aber RoboPhot beginnt mit der Entdeckungsreise wo Google Earth stoppt.

Der entscheidende Vorteil von RoboPhot ist der berührungslose Scanvorgang, welcher es erlaubt grosse Flächen zu dokumentieren ohne sie berühren zu müssen.

Gibt es noch andere Anwendungsgebiete für das Projekt Gesicht-Kartografie?

Zumindest in meinem Kopf gibt es fast unendlich viele. Aber als erstes möchte ich zehn meiner 2×2 Meter Mega-Porträts ausstellen. Die Besucher sollen die Ausstellung mit Gänsehaut verlassen, ohne genau zu wissen warum. Das möchte ich gerne.

Dann würde ich gerne um die Welt reisen und die «Gesichter des 21. Jahrhunderts» mit RoboPhot kartographieren. Ähnlich wie es Sanders machte.

Und last, aber not least, möchte ich gerne genetische Daten mit der Gesicht-Kartografie kombinieren. Aber dahin ist noch ein weiter Weg.

CV Daniel Boschung

Daniel Boschung (1959) ist Schweizer, spezialisiert auf Werbe- und Porträtfotografie. Seine Bilder sind in internationalen Magazinen und Zeitungen wie Time Magazine, Newsweek oder Geo Saison erschienen. In der Werbung zeichnet er für verschiedene Schweizer Kampagnen verantwortlich. Daniel Boschung lebt in der Nähe von Zürich.